Und was mache ich stattdessen …? (5) Die Schuld geht irgendwann, das Bedauern bleibt

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Ein neues Leben anzufangen heißt ja, neben vielen Veränderungen und Widerständen, auch die Schuldgefühle, das „schlechte Gewissen“, die vielen tausend Vorwürfe, die ich mir selbst gemacht habe hinter mir zu lassen, um nicht ewig in der Resignation stecken zu bleiben. Oft habe ich mich gefragt, ob ich (weiter) ein schlechter Mensch bin, wenn die Schuld nicht mehr Hauptbestandteil meines Da-Seins ist.

Doch nach einer Zeit stellte ich fest, es hat nichts mit Vergessen zu tun oder gar Gleichgültigkeit, denn auch wenn der Schmerz vergangen ist, bleibt ein tiefes Bedauern. Eine Achtsamkeit, die all das Erfahrene und jeden Schmerz beinhaltet und die mich ohne Angst ins Jetzt schauen lässt. Eine Gewissheit, ich kann von all dem was ich mir selbst und besonders Anderen zugemutet habe, nichts mehr ändern oder wieder gut machen, doch das es genau das Festhalten daran ist, was mich hindert es nun anders zu tun. Zu ertragen, wie Menschen erschrocken zurückweichen, ängstlich und misstrauisch sind, ist Konsequenz eines Neubeginns und Teil einer neuen Kraft, die nun da ist.

Wie lange es bis hierhin auch immer gedauert haben mag.

Und wenn auch nicht alle, so lässt die Zeit und ein neues Zeit-Alter vielleicht zu, dass einigen alten Wunden ein wenig Heilung zuteil wird. Und auch wenn nicht, so ist es nun mal so, wie es ist.

Wie gehe ich also nun damit um, wenn außer mir niemand mehr daran glaubt, dass ich in meinem Leben je etwas zum „Guten“ ändern werde? Wenn mir bei Ämtern, Ärzten, bei Wohnungs- und Arbeitssuche und sogar in meinem früheren Bekanntenkreis nur Zweifel, Ablehnung und Demütigung widerfährt? Und bedarf es hier wirklich eines starken „Willens“oder eines großen „Kampfes“? Muss ich stark sein, um mich selbst und meine Emotionen aushalten zu können? Und kann ich das überhaupt, ohne all das „Schlechte“ zu verdrängen und gegen etwas Positives einzutauschen?

Hierzu gibt es ganz sicher keine Regel, die uns stärker machen kann und wenn, dann macht mit dieser Regel ganz sicher jemand anderes viel Geld:) Denn so paradox es klingt, doch die Kraft kommt nicht, weil wir stark oder mutig sind, die kommt von ganz allein, wenn wir das „Schwach sein“ sehen und akzeptieren. Wenn wir nicht nur Geduld mit uns selbst, sondern auch allem anderen haben. Wenn wir für unser „Gut“ sein nicht belohnt werden wollen und unsere Zufriedenheit nicht rechtfertigen müssen, sondern es einfach sind.

Sich selbst oder anderen etwas beweisen zu wollen, in einem bestimmten Zeitplan festgelegte Ziele erreichen zu wollen und tatsächlich überhaupt daran zu hängen, dass sich immer etwas verändern muss, steht uns genauso im Weg, wie unsere Ängste vor Verlust und Schmerz. Und hat dazu den gleichen Ursprung. Nämlich immer werden zu wollen, erst einen gewissen Zustand oder Punkt erreichen zu müssen, bevor sich ein Handeln überhaupt lohnenswert zeigt. So verbringen wir oft Jahre damit zu ergründen was zu tun wäre und machen dabei nicht einen einzigen Schritt vorwärts. Wahrscheinlich kennt das jeder Mensch.

Schaue ich aber jeden einzelnen Tag und jeden einzelnen Schritt genau an, dann erlebe ich von ganz allein stetig Veränderung, denn jeder Schritt ist ja Bewegung. Mit allem Respekt geht es deshalb nicht mal darum die nächsten 24 Stunden zu „überstehen“, sondern jeden Augenblick so anzuschauen, wie er ist. Und den Schritt zu gehen! Und den nächsten wieder…, und wieder …, und wieder. Denn mache ich meine Veränderung von einem Ziel, einer Vorgabe abhängig, verpasse ich ständig das was passiert, weil ich mit meinen Gedanken immer dort bin, niemals hier. Auch, wenn wir diese Tatsache oft wiederholen. Sie sich jedes Mal neu anzuschauen, macht viel mehr Spaß.

In der Zeit einer großen Veränderung habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich für andere genug „Reue“ zeige oder was andere darüber denken. Und ich habe mir immer verboten je wieder zufrieden oder glücklich zu sein. Sehr oft habe ich mein Verhalten meinen Wünschen angepasst. Dabei bin ich immer wieder auf die (gleiche) Fresse gefallen. Verzeiht den Ausdruck.

Es nun aushalten zu können, den Gedanken nicht mehr halten zu müssen, ist immer noch keine Garantie. Denn wer weiß schon was im nächsten Augenblick geschieht. Doch wenn die Schuld geht und das Bedauern da sein kann, dann kann auch große Kraft da sein.

euer

wellmann

für all meine Lieben und die Lieblingskröte