Und was mache ich stattdessen…? (1)

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Zu den größten Widerständen, die Menschen erleben, wenn sie ihren Drogen/Alkohol-Konsum einschränken, verändern, oder ganz beenden, zählt wohl die Zeit. Um genau zu sein, die sogenannte „Frei-Zeit“. Vor allem, wenn man mit Substanzen zu tun hat, die aufgrund einer Abhängigkeit/Gewohnheit an feste Einnahmezeiten gebunden sind.

Gerade Opiate konsumierende Menschen haben deshalb einen ungeahnt strikt disziplinierten Tagesablauf, welcher Ihnen, mehr oder weniger, von der Substanz vorgegeben wird. So stellt sich, insbesondere bei langjährigem Konsum, eine (notwendige) Routine ein, die möglichst minutiös eingehalten werden will. Überraschungen oder Veränderungen, vor allem spontane, sind dann oft genauso „Gift“, wie die Subtanz selbst.

Schon eine Verzögerung von einigen Stunden, z. B. weil der „Dealer des Vertrauens“ gerade Lieferschwierigkeiten hat (was häufig vorkommt), können hier für gesundheitliche und emotionale Dramen sorgen.

Was soll man also, wenn dies wegfällt, mit all der freien Zeit, der Energie und der aufkeimenden Kraft anfangen, ohne wieder in alte, destruktive Strukturen zu geraten? Was mache ich stattdessen?!

Um diese Frage zu untersuchen bedarf es mehr Sorgfalt, als auf den ersten Blick anzunehmen wäre. Denn ganz viele Menschen, in einer solchen Situation machen oft gleich zwei große Fehler. (Und ganz viele kleine…)

Nämlich die Beschäftigung beliebig nach dem zur Verfügung stehenden (Therapie-) Angebot besetzen zu wollen und dann, nach der ersten einsetzenden Euphorie, zu schnell zu Viel verändern zu wollen.

Oder anders ausgedrückt: Wenn ich, z.B. anstatt in die Kneipe zum Sport gehe, dort aber keinen Spaß habe, mich überfordere und dabei noch die ganze Zeit an Kneipe denke und darüber rede, hält mich das vielleicht vom Konsum ab, doch es wird niemals eine wirkliche Alternative.

Bei mehr als 90 % aller solcher „Versuche“ etwas zu ändern, ist das Ergebnis der sogenannte Rückfall, also eine Fortführung alter Verhaltensweisen, der fast immer mit Konsum endet. Und die oft gehörte Floskel: „Es wird mit jedem Mal schlimmer!“, trifft hier die Faust aufs Auge, nicht nur wie.

Wir werden uns in unserer Reihe „Und was mache ich stattdessen…?“, ausführlich mit Alternativen der Beschäftigung und der Untersuchung der eigenen Verhaltensweisen widmen. Denn leider erfordert eine ganz neue, noch nicht bekannte Beschäftigung natürlich die Bereitschaft, mich darauf erst einmal einzulassen, es auszuprobieren, im geschütztem Rahmen. Doch genau das ist ja, wie wir am Anfang festgestellt haben, das größte Problem für Menschen, die jahrelang mit dem immer gleichen Tagesablauf und dem gleichen, oft sehr kleinen Bekanntenkreis, umgegangen sind.

Beginnen wir heute also mal ganz ruhig, mit einem Buch.

Dazu muss man heutzutage ja nicht mal mehr das Handy aus der Hand legen 🙂 Aber wer es bevorzugt, mal wieder ein richtiges Buch in der Hand zu halten, dem sind auch bei geringem Einkommen, viele Möglichkeiten geboten. Denn es gibt sie noch, die gute alte Stadtbücherei, die natürlich inzwischen auch Filme, oder Spiele DVDs ausleihen, doch zu dem Medium „Bewegter Bildschirm“ kommen wir in einer anderen Folge. Zudem bietet das Internet, schon mit wenig Aufwand mehr „Lese-Stoff“, als man konsumieren kann.

Auch wenn es Sprach- oder Leseschwächen geben sollte, kann man mit einer fesselnden Geschichte viel Zeit verbringen und vielleicht sogar Defizite ausgleichen, die im Alltag hinderlich sind. Vom Lerneffekt eines guten Sachbuches mal ganz abgesehen.

Doch bitte Achtung und Augen auf im Lese-Verkehr! Sich mit den Themen Sucht und Abhängigkeit oder überhaupt Drogen zu beschäftigen, sollte eher in einem therapeutischen, also geschütztem Rahmen stattfinden. Es ist nicht besonders entspannend sich Storys wie „Breaking Bad“ zu „gönnen“. Also Geschichten, die nicht nur mit Drogenkonsum und Handel zu tun haben, sondern diesen sogar in gewisser Weise heroisieren, zu Hause und allein zu lesen, oder auch zu sehen. Besonders traurige oder von extremer Gewalt begleitete Geschichten sind, zunächst mal, vielleicht auch nicht die richtige Lektüre. Wobei man da, z.B. bei einem mittelalterlichen Roman schwer drumherum kommt.

Hier hat jede/r ganz sicher seine eigenen Vorlieben. Und dann auch zur Ruhe zu kommen, ist einfacher als man vielleicht denkt. Denn wie wir schon an anderer Stelle sehen können, geht es nicht darum vom „Konsumwunsch“ und alten Verhaltensweisen abzulenken, oder sie zu verdrängen, sondern seiner momentanen Tätigkeit, hier das Lesen, seine vollste Aufmerksamkeit zu schenken. Dann verschwindet der Gedanke an Konsum von ganz allein. Und ein gutes Buch bietet die Möglichkeit, dieses „Loslassen“ auch länger als nur ein paar Augenblicke halten zu können.

Nicht die Konzentration darauf etwas nicht zu tun, bringt die Ruhe, sondern die absolute Aufmerksamkeit auf dies was ich jetzt tue! (Komisch …, aber so ist es.)

In den nächsten Tagen gehts weiter. Dann stellen wir euch auch einige Lieblingsbücher vor.

euer

bra