Und es geht los! Warum Karneval nicht immer lustig ist und sich Kölner und Düsseldorfer viel ähnlicher sind, als sie glauben

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Morgen ist es wieder so weit, wie jedes Jahr: Weiberfastnacht (´Tschuldiung, aba dit heißt hier nu ma so)

Offiziell beginnt damit der eigentliche „Höhepunkt“ der sogenannten närrischen Zeit, auch Session genannt. Der wird zwar in jedem noch so kleinen Dörflein nach ein wenig anderen Regeln ausgeführt, beginnt aber wohl dennoch überall mit dem Tag, an dem die Frauen die Macht haben. Dass wir Männer uns an 364 Tagen im Jahr einbilden, es wäre andersrum, ist nochmal ein ganz anderes Thema. (Tätä…)

Düsseldorf und Köln tun sich dabei jedes Jahr auf Neue als besonders kleine Dörflein hervor, die ihren tief verwurzelten Traditionalismus an diesen Tagen nochmal mit „Pauken und Trompeten“ vor sich hertragen. Um das nochmal kurz anzuschauen, diese eigenartige Feindschaft zwischen Köln und Düsseldorf oder sagen wir mal zwischen ganz NRW und Düsseldorf, hat keineswegs den Ursprung darin, welche Biersorte bevorzugt wird, wer welchen Sportverein lieber mag oder ob die einen freundlicher und die anderen dafür reicher sind, sondern es ging, wie immer, ums Geld.

Beziehungsweise um das stapeln Desselben. 1259 wurde den Kölnern vom damaligen Erzschurken…, nee Moment …, Bischof, Erzbischof Konrad von Hochstaden das sogenannte Stapelrecht verbrieft, was im Grunde hieß, dass alles was auf dem Rhein an Köln vorbeikam, auch da erst mal gestapelt und gelagert werden musste und die Kölner ein Vorkaufsrecht hatten. Was mit den Jahrhunderten aus dieser Stapelstreiterei geworden ist, kann man in unzähligen Beiträgen zu dem Thema Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf nachlesen und sich köstlich amüsieren. Wer in Köln schon mal laut Düsseldorf gesagt hat und umgekehrt, wird wissen was ich meine:)

Doch so unterschiedlich die Geschmäcker und Rituale der einzelnen Karnevalsvereine auch sein mögen. In manchen Dingen unterscheidet sich ab morgen keiner mehr. Denn schon in den frühen Morgenstunden ziehen Horden von Kampftrinker-Trupps und TruppInnen in Richtung Altstadt, bzw. Rathaus, um den ansässigen Herren das Gehänge abzuschneiden. Vorzugsweise die Krawatte, wobei es meines Wissens nicht wirklich Regeln gibt. Oder sagen wir ab morgen früh nicht mehr. Dies Ganze wird begleitet von einer flächendeckend nachlassenden Arbeits-Tätigkeit in allen öffentlichen und un-öffentlichen Bereichen, bis schließlich ab spätestens Mittags die Stadt mit ihrem ersten Notarztwagen Großeinsatz ins kostümierte Rauscherlebnis fällt.

Deshalb sollte man zu Karneval nie etwas Wichtiges zu tun haben. Es könnte sein, dass dies bis Rosenmontag versandet und dann mit den Kamelle in die Menge geworfen wird.

Natürlich gewöhnt man sich auch als „anders Deutscher“, also z.B. Berliner oder auch Hamburger an diese Zeit, irgendwie, mit den Jahren, dann …, doch um zu unserem Hauptanliegen im BRA zu kommen, sind diese Tage für Menschen mit problematischem Alkohol- oder Drogenkonsum und besonders für die, die ohne auskommen wollen, immer wieder Anlass für allerlei Aufregung.

Wir alle wissen wie sich eine solche, für die meisten durchaus sehr spaßige Masseneuphorie auswirken kann. Wie mitreißend ein Besuch im Fußballstadion oder beim Eishockey sein kann und natürlich auch, wenn viele tausend Menschen noch einmal mehr des Anlasses wegen tausendmal mehr ausgelassen sein wollen. Dazu kommt dann noch die Menschenmenge, in der man auch schnell mal stecken bleiben und sich ganz schnell hilflos und eben sehr beengt fühlen kann.

Dies ist für Menschen, die nach einer Therapie oder einer Entwöhnung in Eigenverantwortung, die gerne dennoch zum Karneval gehen wollen, nur eben ohne Drogen- oder Alkoholkonsum schon so eine recht stressige Angelegenheit. Hat man dazu gerade noch ein bestimmtes System, um sich „Clean oder Trocken“ zu halten, ein bestimmtes Therapiekonzept oder eine geregelte Selbsthilfegruppe nach dem Grundmodell der Anonymen Alkoholiker aus den USA o.Ä., so kann allein der Versuch zum Karneval zu gehen zu einem vielfachen inneren Konflikt führen.

Um es grob auszudrücken: Fast jede „Versuchung“ wird so noch einmal mehr zum „traumatischen Ereignis“, das ich später in der Gruppe aufarbeiten will und deshalb natürlich ununterbrochen damit beschäftigt bin. Dazu kommen die verschiedenen Vorgaben, wie z.B. die sogenannten zwölf Schritte der AA und NA Gruppen und die dort verbreitete 24 Stunden Regel, nach der man „nur“ die nächsten 24 Stunden überstehen muss, um ein weiteres Ziel zu erreichen.

Können wir, ohne zu sagen, ob das nun gut oder schlecht ist, den damit verbundenen, emotionalen Stress erkennen, den wir zunächst mal nur aufgrund der Regeln und Beschränkungen unserer eigentlichen Hilfe-Einrichtung bekommen? Und selbst weiter und weiter im Konflikt sind, bis wir glauben von diesem Druck erlöst werden zu können?

Es geht also gar nicht darum, welches System hier besser oder schlechter ist, sondern ob wir uns in einer solchen Situation durch die ständigen Konfliktgedanken noch mehr Stressen? Völlig abgesehen davon, wie das System sonst und innerhalb seines geschützten Rahmens funktioniert. Also auch unabhängig davon welcher Gruppe oder welchem Weg wir folgen.

Und gibt es einen Weg damit umzugehen, ohne in einen solchen Konflikt zu geraten? Bitte schaut euch diesen Fragen, wie immer, selbst an und untersucht selbst wir eure Beziehung dazu ist.

Denn ist man in einer solchen Situation, geschieht im Grunde jedem das Gleiche. Euphorie, erzeugt durch verschiedene chemische Vorgänge im Körper und im Gehirn. Doch das was bei den meisten Menschen nur ausgelassene Feierstimmung erzeugt, führt bei dem recht kleinen Teil der Menschen mit Konsum-Problemen oft zu einer, wie man es früher nannte „Nachhall psychotischen Fehlreaktion“, im Therapeutischen Volksmund oft sogar auch Rückfall genannt. Doch der Rückfall begann schon lange vorher. Der Moment der als Auslöser wirkt, als genau der Tropfen der das Fass überlaufen lässt, wird „craving“ genannt, oder ugspr. „Trigger“.

Es ist genau der Moment, indem ein einziger Reiz ausreicht, damit sich das Gehirn für eine Sache entscheidet. In dem Fall für den Konsum. Der Augenblick, indem ich mich für die Wahl einer Seite entscheide und die andere komplett ausblende. Welcher Reiz das ist, ob ein Lied, ein Geruch, eine Situation die unangenehme oder sehr angenehme Gefühle hervorruft oder gewalttätige, traurige, resignative Gedanken, ist unmöglich vorauszusagen. Von da an ist es eigentlich schon zu spät und man wird, wenn überhaupt nur noch von äußeren Umständen vom Konsum, oft dann sogar übermäßigen Konsum abgehalten. Dabei steigt dann sekündlich das „schlechte Gewissen“ und muss genauso sekündlich bekämpft werden. Innerlich, wie äußerlich.

Doch da eben nicht mehr mit Worten und Erklärungen, sondern ab da muss man es betäuben. Solange es nur geht. Doch wie wir wissen, ist diese Zeit sehr begrenzt.

Die drängende Frage, die sich hier natürlich stellt, ist: Habe ich als Mensch wirklich eine Wahl, wenn es darum geht mich vor einer Situation zu schützen, von der ich schon vorher weiß, dass sie in irgendeiner Weise sehr „gefährlich“ wird? Oder ist schon allein das zur Wahl stellen der Beginn des möglichen sogenannten Rückfalls?

Ist es wirklich unbedingt nötig, mich ununterbrochen mit meinen psychologisch/neurotischen Defiziten oder vergangenen Problemen zu beschäftigen? Sie zu analysieren und stetig nach Benennungen für zurückliegende Emotionen zu suchen, um diese dann wieder zu analysieren? Denn das eigentliche Problem ist ja längst erkannt. Zumindest im Fall des Karnevals und der Zeit zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch. Da ist eben ne Riesen Party und eigentlich fühle ich mich unwohl.

Und vielleicht noch wichtiger: Ist es tatsächlich das benutzte System, das mir erlaubt mit einer solchen Situation irgendwann umgehen zu können oder ist es der verantwortungsbewusste Umgang mit dem Moment, mit meiner augenblicklichen Stabilität und nicht die, die ich haben sollte? Dass ich dabei vielleicht gar nicht erst zur Wahl stellen kann loszugehen, weil ich einfach sehe, dass ich noch lange nicht so weit bin, mich wieder in einen solchen Stress zu begeben, ist dann zumindest sehr deutlich.

Es geht also wieder nicht darum, ob ein Konzept für eine Zeit lang ein gutes Handwerkszeug sein kann, sondern ob ich mich in jeder Situation einfach ausschließlich immer darauf verlassen sollte. Und es fragt sich was geschieht, wenn ich das Konzept verlasse, indem ich es gar nicht erst brauche. Bitte schaut es euch an.

Dabei möchten wir aber keineswegs irgendjemandem die närrischen Tage vermiesen oder den Karneval „verteufeln“. Das wäre noch kindischer. Vielleicht habe ich es da als Berliner aber auch wirklich etwas einfacher, denn schon als Kind habe ich den Karneval hier nur im Fernsehen erlebt.

Habt also ganz viel Spaß!

euer

bra