Lyrica – Wie ein Medikament zur Plage wird

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Lyrica® (Pregabalin) ist zugelassen zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen (beispielsweise bei Diabetes mellitus, Gürtelrose [Herpes zoster] oder Rückenmarksverletzungen), als Zusatztherapie bei Epilepsiepatienten mit partiellen Anfällen und bei generalisierten Angststörungen

Bevor wir uns weiter mit der medizinisch/wissenschaftlichen Seite von Pregabalin beschäftigen, wollen wir einen Blick auf einen Tatsachenbericht werfen, für dessen Wahrheitsgehalt wir uns verbürgen können, da es vom Schreiber der nächsten Zeilen selbst erlebt wurde. Zufällige Hinweise auf noch lebende oder verstorbene Personen sind daher unvermeidbar!

„Zum Zeitpunkt der Verschreibung des Medikaments Lyrica, durch einen Düsseldorfer Arzt, bei dem ich schon einige Wochen vorher, völlig problemlos in die Substitution einer Opiat Abhängigkeit gekommen war, war ich 46 Jahre alt. Ich war nach einer weiteren Langzeittherapie und unzähligen Entgiftungsversuchen zu Heroin gekommen, was ich damals als einzige Hilfe gegen Alkoholentzugssymtome, aber vor allem wegen schon jahrzehntelange Schmerzen und der chronischen Polyneuropathie konsumierte. Ich habe zu diesem Zeitpunkt erst seit zweieinhalb Jahren Heroin genommen, nicht i.V., sondern meistens durch die Nase, oder geraucht. Damals wusste ich keine andere Lösung um die Entzugssymptome, die bei mir ungewöhnlich schnell und stark auftraten, irgendwie beseitigen zu können, als in die Substitution zu gehen, obwohl ich eigentlich genau wusste, dass dies viel zu früh und völlig unverantwortlich, sowohl von mir selbst, als auch von dem Arzt war.

Doch als wäre es nicht genug, verschrieb er mir einige Zeit später Lyrica. Und zwar mit folgenden Worten, die ich niemals vergessen werde: „Dies ist ein neues Medikament, dass gegen deine Rückenschmerzen, die Neuropathie und gegen Posttraumatische Angssttörungen gleichzeitig hilft und dass ich sogar dem amerikanischen Präsidenten geben würde.“ Dabei griff er in eine Plastikeinkaufstüte und holte eine „Pharmareferenten-Probepackung“ heraus. Die Dosis der einzelnen Tabletten war an diesem Tag 5mg. (Vielleicht hätte mich die Sache mit dem amerikanischen Präsidenten und der Umstand, dass der Arzt Russe war, etwas misstrauischer machen sollen …)

So aber, nahm ich die Pillen, trotz besseren Wissens oder besser Nicht Wissens und war sogar von der anfänglichen Wirkung sehr angetan. Das dieses Medikament alles andere als wirklich neu, sondern schon 10 Jahre auf dem Markt war ( Lyrica® ist seit 2004 in Deutschland verfügbar), sah ich dann leider erst als es schon viel zu spät war. Innerhalb von wenigen Wochen musste ich die Dosis, um nur die annähernde Wirkung vom Anfang zu erreichen, von 5 mg auf 1200 mg steigern. Das auch Pregabalin bei jedem Menschen anders wirkt, wusste ich zwar, dass es aber in einem solchen Tempo meine Toleranzgrenze um mehr als das Hundertfache steigern würde, war total schockierend und ganz schnell auch nicht mehr zu kontrollieren. Ich schleppte das Zeug „Kistenweise“, verschrieben von mehreren Ärzten nach Hause, nur um eine Woche damit zu überstehen. Denn was geschah, wenn die Tabletten einmal ausgingen, sah ich am eigenen Körper an einem Wochenende, an dem es keine andere Möglichkeit gab, als nach zwei Tagen extremster, quälender Entzugssymptome, den Notarztwagen zu holen. Nach zwei weiteren Wochen der Einnahme und Steigerung der Dosis ging ich selbst in eine Entgiftung-Klinik. Nach drei Wochen geschlossener Abteilung und weiteren zwei Monaten mit ununterbrochenen Neuropathischen Schmerzen, war ich in der Lage an einem normalen Leben teilzunehmen. Bis heute habe ich nicht einen anderen Patienten oder überhaupt einen Menschen getroffen, der etwas Positives über Lyrica zu sagen hatte.“ (me)

Wir wissen nicht, wie sich eine weitere Einnahme des Medikaments ausgewirkt hätte, können aber dennoch nicht umhin es als lebensgefährlich einzustufen. Seit letztem Jahr (2019) ist Pregabalin und Lyrica als Markenname wie eine Welle nochmal mehr als sonst schon, auf den Schwarzmarkt geschwemmt worden und waren vor einigen Jahren noch Benzodiazepine, als Beigabe in Suchtbehandlungen und in der „Szene“ vorrangig zu finden, so wird einem heute Lyrica fast aufgedrängt, was vor allem für Opiate und Benzodiazepin-Abstinente Konsumenten schnell zur Falle werden kann. Lyrica-Konsumenten werden oft als nicht mehr ansprechbar wahrgenommen und verhalten sich im öffentlichen Straßenverkehr teilweise orientierungslos und nicht nur sich selbst gefährdend.

Doch nun ein Blick in die andere Richtung:

Wenn wir vielleicht jetzt gedacht haben, alle Ärzte würden Medikamente ohne Rücksicht auf die Konsequenzen verschreiben, so ist dies natürlich nicht wahr. Tatsächlich sind sogar schon seit etwa 10 Jahren die Gefahren einer Vergabe von Pregabalin, besonders in der Suchtmedizin, bekannt und stehen allen Ärzten zur Verfügung. Zum Beispiel durch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft-Wissenschaftlicher Fachausschuss der Bundesärztekammer, von deren Seite auch die folgenden Beispiele stammen.

Dort steht z. B. sehr klar: Die Hinweise auf ein Missbrauchspotenzial von Pregabalin wurden in diesem Jahr unter die Warnhinweise in die Fachinformation aufgenommen (1). Auch wenn das Risiko möglicherweise nur gering ist, sollten Patienten vor Beginn einer Behandlung darauf aufmerksam gemacht werden. Insbesondere bei Suchterkrankungen in der Vorgeschichte sollte auf Zeichen für eine Abhängigkeitsentwicklung beziehungsweise einen Missbrauch, wie eine Zunahme der eingenommen Dosis, geachtet werden.

Nun sind wir uns nicht ganz sicher, um es vielleicht mal ironisch zu betrachten, ob die Aussage, es wäre sogar „das Beste für den Amerikanischen Präsidenten“ unbedingt etwas über die Gefahren einer Abhängigkeit enthält, aber wir sind ja auch nur Menschen, vielleicht verstehen wir das einfach nicht. Was uns aber so richtig vom Hocker gehauen hat, schon damals, war Folgendes:

Bitte teilen Sie der AkdÄ alle beobachteten Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) mit. Sie können dafür den Berichtsbogen verwenden, der regelmäßig im Deutschen Ärzteblatt abgedruckt wird oder über die Homepage der AkdÄ abrufbar ist. Es besteht auch die Möglichkeit, über www.akdae.de direkt online einen UAW-Verdachtsfall zu melden. (Quelle: Abhängigkeitspotenzial von Pregabalin (Lyrica®) (Aus der UAW-Datenbank)

Dies ist nachweislich, im Falle unseres Beispiels nicht passiert. Sondern bei der Aufnahme in das Substitutionsprogramm der Praxis wurde nicht mal die Auswertung einer (einmalig erfolgten) Urinkontrolle, geschweige denn eines Blutbildes des Patienten überprüft und sofort am nächsten Tag (!) zunächst Methadon und später dann Lyrica, ohne jede Aufklärung, Nachsorge, oder gar Vor-Sorge verschrieben.

Liebe Menschen,

wir sind uns mehr als bewusst, dass jeder Mensch für seine Handlungen selbst verantwortlich ist. Wir bitten Sie lediglich nicht Menschen dafür zu verurteilen, jegliche Kontrolle an ein Medikament verloren zu haben, weil sie sich sowieso schon in einer extremen Krisensituation befanden. Zumal gerade mit Psychopharmaka so etwas heute in jeder „guten Familie“ vorkommt.

Und nur, weil es sich vielleicht um einen Drogen konsumierenden Menschen handelt, der dazu noch auf der Straße leben muss, ist es nicht weniger wert, diese vor der Skrupellosigkeit einer ganzen Industrie und einer Reihe von Medizinern zu schützen und es nicht noch um ein Vieles schlimmer zu machen.

Medikamente wie Lyrica, ohne jede faktische Information an „ahnungslose Bürger“ zu verschreiben und sie mit den Konsequenzen nicht nur allein zu lassen, sondern sogar zu stigmatisieren, abzugrenzen und zu diskriminieren, hat nichts mit medizinischer, oder humaner Hilfe zu tun. Lyrica ist und war noch nie wirklich klar erforscht und schon gar nicht ist es eine Revolution, die sich so viele Menschen die unter Neuropathischen Schmerzen leiden davon erhofften, denn selbst wenn es vielleicht, bei einigen Patienten, die akuten Symptome lindert, sind sowohl die Nebenwirkungen, als auch die Gefahren einer extrem starken Abhängigkeit mehr als ein Grund dieses Mittel endlich wieder vom Markt zu nehmen.

Schon ein kurzer Blick genügt, um zu erfahren, dass sogar Experten wissen: Lyrica ist nur selten nützlich, oder ein Segen für die Medizin, sondern eine gefährliche Waffe, um einen Menschen in tiefe Abhängigkeit zu ziehen und dort zu halten! Warum lassen wir so etwas immer wieder zu?!

euer

bra

(Foto: wellmann)